Rechtsanwalt Andrés Heyn

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Wearables, Selbstvermessung und Datenschutz

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Am 04.05.15 fand eine Veranstaltung der Hamburger Datenschutzgesellschaft zum Thema „Wearables und Selbstvermessung“ statt. Als Vertreter der „Quantified Self“ Bewegung war Herr Florian Schumacher (s. auch igrowdigital.com Blog) eingeladen. Den IT-Teil vertrat Herr Dr. Dipl. Inf. Dominik Herrmann von der Universität Hamburg. Sicherheitsaspekte beleuchtete Herr Thomas Hemker von der Symantec AG.

Herr Schumacher stellte zunächst diverse Apps und Geräte vor, etwa die Apple Watch, Withings Uhren und die neue Entwicklerschnittstelle Apple Health Kit. Ausführlich berichtete Herr Schumacher von seiner eigenen Motivation und den gewonnenen Erfahrungen. Neue Entwicklungen der Selbstvermessung sind neben den Uhren nun auch Textilien, Pflaster und Fahrräder, die als Trackingtools geeignet sind. Diese Technologien entwickeln sich in Richtung Künstliche Intelligenz (KI) und Cyborgs, wenn etwa Chips oder Sensoren unter die Haut transplantiert werden. Auch der Bereich Hearables ist in Verbindung mit Spracherkennung wie bei Apples Siri bedeutsam – hier könnte etwa ein Audiocoach dem Nutzer direktes Feedback und Anweisungen geben.

Neben der relativ simplen Bewegungsmessung ist natürlich auch der Bereich der Ernährung für die Selbstoptimierung und Kontrolle von großer Bedeutung. Hier werden etwa personalisierte Waagen zum Einsatz kommen können. Neben dem Belohnungssystem, hier sind beispielsweise Rabattprogramme der Krankenversicherungen denkbar, wird neuerdings auch das althergebrachte Bestrafungsprinzip angewendet. Um unliebsame Gewohnheiten zu verändern werden z.B. von der Fa. Pavlok.com milde Elektroschocks eingesetzt. Auch Geldstrafen oder „Outings“ in einer Community sind denkbar.

Der offene und mit großem Aufwand betriebene Ansatz von Herrn Schumacher verdient großen Respekt und die Wearables können meines Erachtens eine spielerische und motivierende Ergänzung des Trainings darstellen. Vielen Menschen wird es Freude bereiten ihren Sport, wie etwa Triathlon, mit optimierendem Equipment zu betreiben. Sie werden für solche Statussymbole, obwohl diese derzeit noch in den Kinderschuhen stecken, tief ins Portemonnaie greifen.  Die besten Fitness-Apps nützen aber nichts, wenn nicht moderne grundlegende sportmedizinische Prinzipien berücksichtigt werden. Hier sei z.B. auf die Bücher der Mediziner Evan Osar (Chicago) und von Dalmann/Soder (Berlin) hingewiesen.

Abgesehen davon, dass ein Investment in einen guten Personal Coach oder Sportmediziner, der etwa auch auf die Atmung und richtige Körperhaltung achten kann, derzeit sinnvoller ist als jedes Wearable, erachte ich einen neuen Ansatz von Apple „Health Kit“ als weit seriöser und vielversprechender als die Nutzung der Apps und Wearables im Fitnessbereich. Dieser Ansatz sieht vor, in der medizinischen Forschung bei Krankheiten wie Asthma, Diabetes oder Parkinson durch Big Data Auswertungen bessere Behandlungen und Präventionsmaßnahmen zu ermöglichen.

http://www.apple.com/de/pr/library/2015/03/09Apple-Introduces-ResearchKit-Giving-Medical-Researchers-the-Tools-to-Revolutionize-Medical-Studies.html

Apple hat hierzu eine Partnerschaft mit IBM, Johnson & Johnson und Medtronic bekanntgegeben.

Bedenkt man den hohen Anteil chronisch Kranker an der Bevölkerung und die exorbitanten Kosten des veralteten Gesundheitswesens, können die neuen technischen Entwicklungen hier weitaus bedeutsamer und hilfreicher sein als im Fitnessbereich. Ein Wearable mag für einen Gesunden ein schönes Fitness-Tool sein. Wirklich lebenswichtig werden aber die Wearables und Auswertungen dann, wenn man damit Krankheiten vorhersehen oder bekämpfen kann, wobei abzuwarten ist, ob Big Data Technologien genügend belastbares und wissenschaftlich nutzbares Zahlenmaterial liefern werden. Hier steckt die Entwicklung sicher noch in einem frühen Stadium, aber der E-Health Bereich wird meines Erachtens ein bedeutsamer Hebel sein, um die verkrusteten Strukturen im Gesundheitssystem aufzubrechen.

Dr. Dominik Herrmann stellte als Informatiker im Anschluss das Thema „Datenschutz bei Wearables im Zeitalter des Predictive Computing“ vor. Die Folien des beeindruckenden Vortrages sind hier abrufbar: https://svs.informatik.uni-hamburg.de/publications/2015/2015-05-04-Herrmann-Wearable-Privacy.pdf

Herr Herrmann berichtete zunächst von den Problemen bei der Gewinnung gesicherter Erkenntnisse und Vorhersagen etwa zu Grippeepidemien oder Modetrends, wie etwa dem Phänomen der „self fulfilling prophecy“ durch die Veröffentlichung solcher Vorhersagen. Es wurde deutlich, dass die durch Wearables erfassten Daten hochsensibel sind und Rückschlüsse auf das Verhalten der Nutzer in vielerlei Hinsicht ermöglichen. Zwar werden die Daten häufig pseudonymisiert, aber dies bietet oft keinen wirksamen Schutz gegen Identifizierung durch Predictive Computing Techniken, wenn das Datenmaterial selbst nicht vorab teilweise randomisiert wird, was natürlich zu Lasten der Belastbarkeit der Daten geht.

Eine wirksame Anonymisierung der Nutzer ist nur schwer möglich und wegen der hohen Kosten auch nicht im Sinne der Anbieter. Es wird also für den Einzelnen in Zukunft schwieriger werden, seine Lebensgewohnheiten und seinen gesundheitlichen Status vor Dritten zu verheimlichen. Bisher weithin allgemein akzeptierte Solidargemeinschaften – wie etwa im Versicherungsbereich – können erodieren und Personengruppen mit Risikokrankheiten diskriminiert werden. Darüber hinaus werden zukünftig Entscheidungen durch Algorithmen getroffen, die kaum nachprüfbar sind.

Abschließend stellte Herr Hemker das Whitepaper von Symantec zur Sicherheit bei Quantified Self und Wearable Techs vor.

http://www.symantec.com/connect/blogs/how-safe-your-quantified-self-tracking-monitoring-and-wearable-tech

Es wurden von Symantec erhebliche Sicherheitslücken bei vielen Anwendungen (Apps) festgestellt, die z.B. leicht zu einem Hijacking oder Datenverlust führen können. Häufig werden Log-in-Daten unverschlüsselt übertragen und die gesammelten personenbezogenen Nutzerdaten an bis zu 15 verschiedene Domains übertragen. Besonders auf der Android-Plattform sind diverse Anwendungen mangelhaft und gefährlich. Leider gibt es besonders für finanzschwache Start-Ups nicht genügend Anreize, für (teure) Sicherheit der Nutzer zu sorgen.

Die Veranstaltung wurde durch eine anregende Diskussion abgeschlossen, in der insbesondere die Missbrauchs- und Überwachungsproblematik, etwa durch die unkontrollierte Weitergabe der Daten an Dritte, vertieft wurde. Kontrolle und Transparenz sind für die meisten Anbieter leider Fremdworte. Ob die durch Quantified Self Technologien entstehenden Probleme durch den Nutzen der Anwendungen für die Allgemeinheit aufgewogen werden, wurde naturgemäß konträr beurteilt. Wenn etwa die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles in der Mitarbeiterüberwachung durch solche Apps und Armbänder bei einer „freiwilligen“ Einwilligung der Mitarbeiter kein Problem sieht, dann ist das irritierend.Es wäre  interessant zu wissen, wie Frau Nahles selbst bei einer solchen Überwachung abschneiden würde. Die Veranstaltung der HDG lieferte jedenfalls einen sehr gelungenen Einblick in ein höchst bedeutsames Thema.

Autor: Rechtsanwalt Heyn

Autor: Andrés Heyn

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